Zwei Clowns besuchen eine ältere Dame auf ihrem Zimmer im Pflegeheim

Herzensmusik für Senioren

09.Juli 2019
  • Senioren

"Tiefe Momente öffnen mir das Herz!"

Zwei Clowns hocken neben einer älteren Dame im Rollstuhl un singen ihr was vor
(c)Gregor Zielke

Christine Scherzer ist schon seit über zehn Jahren ROTE NASEN Clown. Seit 2006 bringt die studierte Jazzsängerin als Clown Natascha Lachmannova Freude zu großen und kleinen Menschen. Jede Begegnung ist einzigartig. Von einem ganz besonders berührendem Ereignis in einer Senioreneinrichtung erzählt sie in ihren eigenen Worten – und davon, wie Musik beflügelt:

“Die meisten Menschen denken, dass Clowns nur dazu da sind, um andere zum Lachen zu bringen. Doch noch wichtiger ist es manchmal, dass ein Clown zu Tränen rühren kann. Das passiert zum Beispiel im Altersheim, wenn wir auf Menschen mit Demenz oder anderen Erkrankungen treffen: Hier können wir Clowns die Menschen so berühren, dass sie unterdrückte Gefühle herauslassen können. Traurigkeit zum Beispiel. Das funktioniert vor allem mit Musik, mit einem Kinderlied oder einem alten Schlager. Die Musik weckt Erinnerungen und die Menschen fangen an zu weinen. So können wir jemanden 'aufschließen', der ganz in sich selbst zurückgezogen war.

Das habe ich selber erlebt. Ich besuche oft eine Dame mit ALS, also amytropher Lateralsklerose. Sie ist komplett in ihrem Körper gefangen, aber geistig noch ganz da und bekommt deswegen alles mit, was um sie herum vor sich geht. Die Dame ist erst Ende 60 und bekommt jeden Tag Besuch von ihrem Mann. Beide sind große Jazzfans und haben Konzerte von den berühmtesten Künstlern besucht, zum Beispiel von Ella Fitzgerald oder Miles Davis.

Ein Lied als Reise in die Vergangenheit

Ich selber bin ausgebildete Jazzsängerin. Und dann saß ich da als Clown mit meiner roten Nase vor ihr als Clown und sang 'Lullaby of Birdland' – ganz ohne Musikbegleitung, ganz für sie alleine. Wir beiden sahen uns an. Plötzlich stiegen ihr Tränen in die Augen und sie begann zu weinen. Das hat mich so berührt, dass ich selber fast weinen muss, wenn ich daran zurückdenke.

Dieses Lied zu hören, war für die Dame wie eine Reise in die Vergangenheit. In dem Moment, in dem ich das Lied sang, sprach ich den Teil von ihr an, der gesund war – ganz egal, wie es in ihrem Körper aussah und wo sie Schmerzen hatte. Ich konnte den Teil von ihr berühren, der Jazz liebt. Auch wenn sie nicht mehr in Jazzkonzerte gehen kann, ist sie trotz ihrer Krankheit doch immer noch ein Mensch, der Musik liebt. Solche unverletzlichen Gefühle machen den Menschen lebendig, egal wie krank er ist.

Diese tiefen Momente sind es, die mir das Herz öffnen. Da weiß ich, warum ich Clown bin. Du kannst ein Konzert vor großem Publikum in einem schicken Jazzclub spielen, aber dort ganz alleine vor dieser Frau zu singen und sie mit meinem Gesang zu berühren, das war unglaublich schön. Wir Clowns nehmen Verbindung zu dem unverletzbaren Teil der Menschen auf. Das ist es, was den Clown ausmacht. Und daher ist es so wichtig, dass wir diese Arbeit machen.”