Porträt der Philosophin und Buchautorin Natalie Knapp

Zum Tag des Lächelns: Interview mit Natalie Knapp

01.Oktober 2021

"Die Unsicherheit ist der Urzustand der Kreativität"

Die studierte Philosophin und Buchautorin Natalie Knapp hat ein Steckenpferd: Mit dem Thema Unsicherheit beschäftigt sie sich auf Vorträgen, in Fernsehinterviews oder in ihrem Buch "Der unendliche Augenblick - warum Zeiten der Unsicherheit so wertvoll sind". Im vergangenen Jahr zeigte uns die Corona-Pandemie, wie ein Virus von heute auf morgen die Welt auf den Kopf stellen kann. Doch täglich kann es geschehen, dass vermeintliche Sicherheiten keine mehr sind. Warum gerade Clowns Experten in Unsicherheit sind und als Künstlerinnen und Künstler besonders gut damit umgehen können, beantwortet Natalie Knapp im Interview.

 

Porträt der Philosophin und Buchautorin Natalie Knapp
(c) Gaby Bohle

Das Lieblingsthema von Natalie Knapp: Unsicherheit

Covid-19, Klimawandel - das sind nur zwei der Themen, die die Menschen zurzeit beschäftigen.Welche Rolle spielen künstlerische Organisationen wie ROTE NASEN in unsicheren Zeiten?

Jedes Kind kennt Frederick die Maus. Sie sammelt im Sommer Farben, damit sich die anderen Mäuse im Winter daran erwärmen können. Und es weiß auch jedes Kind, wie sehr wir diese Farben brauchen, wenn es mal dunkle Zeiten gibt. Aber als Erwachsene vergessen wir das, wenn wir den Buchdeckel zugeklappt haben. Deshalb brauchen wir künstlerische Organisationen, die uns daran erinnern. Ein einzelner Clown kann das nicht leisten, weil er in einer Welt voller Werbetafeln für überflüssige Produkte nicht sichtbar genug ist.  Aber die ROTEN NASEN als Organisation schaffen das. Sie organisieren Geld, Räume und künstlerische Weiterbildungen, damit Menschen in Krankenhäusern und Altersheimen ihr Herz an den Farben des Lebens erwärmen und neuen Lebensmut fassen können.

Was bedeutet ein Clown für Sie?

Ein Clown ist ein Verwandlungskünstler. Sie oder er verwandelt alles, was wir gerne vor anderen verstecken in etwas Großes und Schönes. Unsere Unsicherheit, das Scheitern, die Mutlosigkeit oder dass wir etwas nicht können. Der Clown kann eigentlich alles nicht so richtig und er schämt sich dafür auf eine so hinreißende Art, dass wir über unsere eigene Scham lachen können. Dadurch wird das Leben dann auf eine magische Art wieder heil. Alles, was unter den Teppich gekehrt wurde, darf wieder dazugehören.

Was könnte - philosophisch betrachtet - der „Clownspirit“ bedeuten?

Clowns sind Expert*innen der Unsicherheit, denn sie haben grundsätzlich keine Ahnung wie etwas geht oder wie man sich benimmt. Sie wissen noch nicht einmal wie man sich auf einen Stuhl setzt. Der Clownspirit ist deshalb für mich vom Anfänger*innengeist geprägt, von der Neugierde und dem Staunen. Clowns wissen  wie man die Türen und Fenster des Herzens öffnet, damit das Licht des Lebens dort hineinscheinen kann. Das kann man sich aber nur leisten, wenn man alles wertschätzt, was dabei zum Vorschein kommt. Von der kleinsten Blume bis zur größten Angst.

Was war der Auslöser dafür, sich mit dem Thema „Unsicherheit“ zu befassen?

Vieles im Leben lässt sich nicht vorausberechnen etwa wie das Wetter in drei Wochen sein wird, wann ein geliebter Mensch stirbt oder welche Berufe in 20 Jahren noch relevant sein werden. Deshalb sind wir im Leben oft unvorbereitet. Der griechische Philosoph Heraklit hat das vor 2500 Jahren einmal so ausgedrückt: „Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss.“ Wir können gar nicht wissen, was im Fluss des Lebens als Nächstes an uns vorbeischwimmen wird. Und je vernetzter und dynamischer sich das Weltgeschehen entwickelt, desto häufiger werden wir mit Überraschungen konfrontiert werden. Damit wir in Situationen wie beispielsweise einer Pandemie handlungsfähig bleiben, brauchen wir eine gewisse Unsicherheitstoleranz, d.h. wir müssen uns mit unserer eigenen Unsicherheit anfreunden. Und dabei möchte ich Menschen gerne unterstützen. Deshalb habe ich ein Buch  geschrieben, in dem ich zeige, warum Zeiten der Unsicherheit wertvoll sind.

Was unterscheidet Unsicherheiten und Angst?

Das Gefühl der Unsicherheit zeigt uns, dass wir gerade keinen Plan haben. Das passiert immer dann, wenn sich etwas Unerwartetes ereignet. Das kann etwas Erfreuliches sein, wie die unerwartete Begegnung mit einer heimlich Angebeteten, oder etwas Unangenehmes wie eine Krankheit. Die Unsicherheit sagt uns nur, dass wir auf die Situation nicht vorbereitet sind und kreativ werden müssen, um sie zu bewältigen. Die Unsicherheit ist der Urzustand der Kreativität. Die Angst dagegen ist ein Überlebensmechanismus. Sie vermittelt uns das Gefühl einer existentiellen Bedrohung. Das Herz rast, alles wird eng und fokussiert sich aufs Überleben. Denn das ist die evolutionäre Funktion der Angst. Sie war ursprünglich dafür da unser Überleben zu sichern. Doch wenn es gerade nicht akut ums Überleben geht, muss man aus der Angst wieder in die Unsicherheit zurückfinden, um die schwierige Situation gestalten zu können. Dabei können einem Clowns ganz besonders gut unterstützen, weil sie unsere Liebe zum Leben erwecken. Und diese Liebe ist das Gegenteil der Angst.

Haben Sie einen inneren Clown und - falls ja - wie sieht er oder sie aus?

Ich lache extrem gerne, weil dann alles in mir so weit und leicht und frei wird. Als Kind bin ich einmal nachts aufgewacht, weil ich im Traum über einen Witz lachen musste, den mir jemand am Tag zuvor erzählt hatte. Dabei hatte ich den Witz gar nicht verstanden. Aber es ist der erste Witz meines Lebens, an den ich mich erinnere. Der erste Satz hieß: "Sitzen zwei Ölfässer auf der Kellertreppe und stricken Benzin." Diese absurde Situation mit den Ölfässern hat mich tagelang zum Lachen gebracht. Ich habe ja eine besondere Leidenschaft für Erkenntnisse, ich interessiere mich brennend für die Bedeutung des Lebens, sonst wäre ich nicht Philosophin geworden. Aber wenn mich jemand zum Lachen bringt, spüre ich, dass die wahre Bedeutung des Lebens meine Erkenntnisfähigkeit übersteigt. Deshalb halte ich den Humor für eine philosophische Kernkompetenz.

Natalie Knapp, vielen Dank!