Ein Clown steht neben einem Kind was auf einem Stuhl vor einem Leptop sietzt

Lachen trotz Krebs

28.Januar 2020
  • Kinder

Wie erklärt man einem Kind die Krankheit Krebs?

Sie war erst 14 Jahre alt, als ihr Babysitter-Kind an Krebs erkrankte. Schnell bemerkte Sonja Marschall die Sprachlosigkeit der Erwachsenen in ihrem Umfeld: Wie erklärt man einem Kind die Krankheit Krebs? Sonja Marschall beschloss zu helfen. Jetzt ist sie 17 Jahre jung und hat schon ein Kinderbuch zum Thema geschrieben. In dem Buch „Lotte und die Chemo-Männchen“ geht es um die kleine Lotte, die mit fünf Jahren an Blutkrebs erkrankt. Sogenannte „Chemo-Männchen“ (Chemotherapie), die die schwarzen Bausteine (Krebszellen) in ihrem Körper nach und nach zerstören und mit guten Zellen ersetzen helfen ihr. Sie wird wieder gesund, aber begegnet auch dem Tod.

Ein Bild von Sonja Marschall wie sie in einem Seesel sietzt und liest
(c) Sonja Marschall

Abschied, Trauer, Schmerz

Abschied, Trauer und Schmerz verbindet man sofort mit der schweren Krankheit. Auf der Station der Kinderonkologie der Berliner Charité passieren aber nicht nur traurige Dinge. Es wird auch mal gelacht, wenn beispielsweise unsere ROTE NASEN Clowns zu Besuch kommen. So entstehen auch freudige Erinnerungen für alle Beteiligten. Als Schülerin hat Sonja Marschall dort ein Praktikum gemacht und erinnert sich an die schönen Momente:

„Für mich ist die Krankheit Krebs auf der einen Seite natürlich hart, hinterlistig, ungerecht und zäh, aber daneben kommt mit ihr auch viel Positives, das die Familien und auch ich nicht mehr missen möchten. Es gibt eine ganz besondere Gemeinschaft und einen Zusammenhalt, von dem alle profitieren. Jeder weiß, warum man da ist, und diese große Gruppe, die gemeinsam am Tau gegen den Krebs zieht, ist so oft so viel stärker und schafft eine Atmosphäre, die ich so im Krankenhaus sonst eher nicht sehe. Es sind Werte, die bleiben, man weiß, auf wen man sich verlassen kann und hat, so schnulzig es klingt, einen anderen Blick auf das Leben. Es wird sehr im Moment gelebt, das Hier und Jetzt an guten Tagen gefeiert und an schlechten rückt man näher und ist einfach da.“

Den Moment leben

„An einem Nachmittag habe ich mit einem Kind Karten gespielt. Wenn es mich dann laut anlacht und grinst, weil es gerade zum dritten Mal gewonnen hat, dann sind das genau diese Momente, in denen das Leben so intensiv pulsiert und von denen ich so viel lernen kann. Kurz zuvor habe ich einen Schokoriegel gegessen, sehr schnell, weil ich mir das so angewöhnt habe. Das Kind meinte dann nach einem kleinen Moment: Wenn du langsamer kaust, dann hast du länger was von ihm. Ich denke, das Kind hat verstanden, worauf es ankommt – ich jetzt auch.“

Ein Clown steht neben einem Kind was auf einem Stuhl vor einem Leptop sietzt
(c) Gregor Zielke

Während ihrer Zeit auf der Station ist sie häufiger den ROTE NASEN Clowns begegnet:

„Sobald die Clowns die Station betreten haben, hieß es immer nur noch: Wann sind sie bei mir? Ich denke, dass die Clowns eine sehr wichtige Arbeit leisten und jedes kleine Lachen, das sie herausgekitzelt haben unglaublich viel zu der Genesung und Lebensqualität der Kinder während dieser intensiven Zeit beiträgt.“

Ein Kinderbuch, das Augen öffnet

‚Wie soll ich meine Krankheit meinen Freudinnen und Freunden erklären?‘ Diese Frage stellte das kleine Mädchen, das Sonja Marschall als Babysitterin betreute, beim Eisessen und bewegte die Schülerin, das Buch „Lotte und die Chemo-Männchen“ zu schreiben. „Dem Feind ein für Kinder verständliches Gesicht geben, denn Wissen gibt Kraft!“ war Sonjas damalige Mission. Und vor allem sollte das Buch alle Aspekte der Krankheit beinhalten, die Kindern häufig vorenthalten bleiben:

„Das Buch soll kindgerecht erklären, aber nichts verschönern oder aussparen. Ich denke, dass man den Feind kennen sollte – von allen Seiten. Der Tod ist leider immer noch ein fester Bestandteil dieser Erkrankung. Es wäre falsch, ihn und damit auch etliche Kinder, die diesen Weg gehen mussten und müssen, auszusparen. Ich, aber auch viele andere, besonders Eltern erkrankter Kinder, sagen, dass gerade die Kinder so gut mit diesem Thema umgehen können. Sie integrieren ihn in ihre Welt, machen sich natürlich Gedanken, aber dieses schlechte Bild vom Tod wird doch eben genau dadurch gemalt, dass man ihn nie ausspricht, dass man ablenkt, um nicht damit in Berührung zu kommen. Kinder spüren das und sie beängstigt genau das – das Ungewisse. Erneut bin ich der Meinung: Wissen gibt Kraft. Dazu gibt es eine kleine Geschichte. Bei meiner ersten Lesung in einer Kita saß ein kleiner Junge im Publikum, dessen Opa kürzlich verstorben ist. Nach der Lesung gab er mir ein Bild mit einem kleinen Engel, der den Opa in den Himmel zieht, und meinte: Danke, dass du es mir erklärt hast.“