Kulturwissenschaft

Geschichtliche Entwicklung der Clownfigur

Als „Trickster“ bekannt, existiert die Figur des Clowns schon lange in der Menschheitsgeschichte. Der Psychologe C. G. Jung hat nachgewiesen, dass es den Trickster, ein „kosmisches Urwesen“, zu allen Zeiten und in allen Kulturen weltweit gegeben hat. In der Mythologie bzw. Literatur wird der Trickster als die Figur benannt, die sich zwischen dem Natürlichen und dem Menschlichen bewegt (C.G. Jung, 1934).

Der amerikanische Anthropologe Paul Radin beschrieb die Figur wie folgt: „Der Trickster ist gleichzeitig Schöpfer und Zerstörer, Geber und Verneiner, derjenige, der andere überlistet und selbst immer überlistet wird. ... Er besitzt keine Werte, weder moralische noch gesellschaftliche, und ist seinen Leidenschaften und Trieben ausgeliefert, doch kommen durch seine Handlungen alle Werte zum Vorschein.“ (Radin, 1972).

In den Geschichten der indigenen Völker Nordamerikas taucht der Trickster beispielsweise als Schamane (Medizinmann oder Heiler) auf, bei den alten Griechen als der Götterbote Hermes und in den zentralasiatischen Märchen als der Querdenker und Schwindler Nasreddin. Schon immer hatte diese Figur eine besondere gesellschaftliche Bestimmung (C.G. Jung, 1934).

Die sog. Tehua, eine Gemeinschaft wohnhaft am Rio Grande in Mittelamerika, wurden auf langen Umzugsreisen stets von einem rot weiß geschminkten Mann begleitet. Sobald sie auf dem Weg auf Hindernisse antrafen und nicht vorankamen, sprang dieser Mann urplötzlich auf, tanzte, sang und machte Späße bis die wandernde Gruppe in schallendes Gelächter ausbrach und neuen Mut schöpfte (Von Barloewen, 1984). Im mittelalterlichen Europa durfte der Narr als Einziger mit Spielen und Gaukeleien die höfischen Konventionen infrage stellen. Da er immer die Wahrheit sagt, war er häufig der engste Berater des Königs (Shah, 1984).

Die "Maske" des Clowns

Der Clown, wie wir ihn heute kennen, geschminkt und mit großen Schuhen, entstand Ende des 18. Jahrhunderts in England. Der Mime Grimaldi entwickelte die neue „Maske“ des Clowns: ein weiß geschminktes Gesicht mit roten Wangen. Im Gegensatz zum Trickster, der auch schadenfroh sein kann, bringt der Clown sich selbst in komische Situationen, um so Menschen zum Lachen zu bringen. Aus dem Film kannte man Clowns eher ungeschminkt, wie Charlie Chaplin oder Laurel und Hardy (dt. "Dick und Doof"), die den Clown zum echten Star machten. Der Zirkusclown erreichte seinen Höhepunkt in den 50er bis 70er Jahren des 20.Jahrhunderts mit u.A. Grock, Rivel und Popov (Vortrag Reinhard Horstkotte, 2008).

Jospeh Grimaldi als Hussar und ein Clown
(c) Welcome Collection/Creative Commons

Joseph Grimaldi (als Husar verkleidet) steht vor einem anderen Schauspieler im Clownskostüm in einer Szene aus dem Pantomimen "Roter Zwerg"(Radierung von W. Heath, um 1811. Credit: Wellcome Collection. Zuschreibung 4.0 International (CC BY 4.0)

Der Clown als Zwischenwesen

Clown, Schamane, Narr und Trickster sind zwar verschiedene Figuren, haben aber viele Gemeinsamkeiten:

Als sogenannte liminale Wesen bewegen sie sich immer im „Dazwischen“; sie sind weder gut noch böse. Sie gelten als Vermittler zwischen Ordnung und Chaos, dem Sakralen und Profanen und dem Natürlichen und Übernatürlichen (Turner, 1985). In ihren Taten überschreiten sie oft soziale und kulturelle Grenzen, was schon an der außergewöhnlichen Kostümierung sichtbar wird (William J. Hynes, 1997). Ihre Rituale bzw. Performances – die in Form von Tänzen, Gesang und andere Kunstformen stattfinden - sind häufig übertrieben, wiederholend und letzten Endes sinnführend (Miller Blerkorn 2012).

Eine Kiste voller Rickvisiten
(c) Gregor Zielke

Die heilende Kraft des Clowns

Auch im medizinischen Kontext trifft man die Figur des Clowns an. Medizinmänner haben bei Heilungszeremonien die Clownfigur häufig genutzt. Wie der Anthropologe Dennis Tedlock in seiner Forschung herausfand, war für die Schamanen der Apachen in Nordamerika die Clownfigur manchmal der letzte Ausweg, wenn die bisherigen Tänze das erwünschte Gleichgewicht innerhalb der Gemeinschaft oder die Heilung nicht erreicht hatten. Ein Schamane erzählte ihm: „Wenn ich andere Tänze mache und die Dinge dadurch nicht zurechtrücken kann, dann mache ich den Clown und der versagt niemals.“ (Tedlock, 1978).

Inwieweit kann dementsprechend auch ein Clown heilende Kräfte haben?

Die Sozial- und Kulturanthropologin Linda Miller Blerkorn hat die Klinikclowns (Clown Care Unit) in New York bei ihrer Arbeit begleitet und fand heraus, dass die Praktiken der Krankenhausclowns Ähnlichkeiten zu denen der Heiler aus sogenannte traditioneller Medizin haben.

Wie in westlichen Ländern bevorzugt Krankenhäuser und Ärzte besucht werden, um Krankheiten zu bekämpfen, wenden sich indigene Völker meist an Medizinmänner und Schamanen. Diese gelten als Vermittler zwischen dem Göttlichen und dem Irdischen, die ihre Heilkräfte von übernatürlichen Wesen erhalten (Jakobson, 1999). In der Biomedizin wird eine Krankheit als Störung von biologischen und biochemischen Prozessen betrachtet, und die soziale Erfahrung und Wahrnehmung bleibt im Hintergrund (Kleinman, 1980).

Schamanen Heilungszeremonie
(c) Welcome Collection/Creative Commons

Eine "Yebichai-Sweat" Navajo-Medizin-Zeremonie: drei Navajos in zeremonieller Kleidung mit maskierten Gesichtern (Wellcome Collection. Zuschreibung 4.0 International (CC BY 4.0)

Der Klinikclown, genauso wie der Schamane, versucht, diese psychosoziale Lücke zu füllen. Er betrachtet den Menschen als Ganzen, eingebunden in sein soziales Umfeld, und hilft dem Patienten und den Angehörigen die Krankheit anders zu erfahren. Mittels eines Rituals - im Fall des Klinikclowns einer Performance, die Menschen zum Lachen bringt - versucht er, ihnen die Angst zu nehmen und die schwere Situation für alle Beteiligten zu entlasten. Das Ziel ist, den kranken Menschen emotional zu stärken. Sowohl der Clown als auch der Schamane gewährleistet somit eine psychosoziale Hilfe, die von Ärztinnen und Ärzten häufig nicht erfüllt werden kann. In dem Moment ist er für diejenigen als emotionale Stütze da, die mit der eigenen Krankheit oder mit der Krankheit einer ihm oder ihr nahe stehenden Person alleine nicht umgehen können (Miller Blerkorn, 2012).

  • Hynes, William J. und William G. Doty, Hg. (1997): Mythical Trickster Figures: Contours, Contexts and Criticisms. University of Alabama Press, Alabama.
  • Jakobsen, Merete Demant (1999): Shamanism: Traditional and Contemporary Approaches to the Mastery of Spirits and Healing. Berghahn, New York.
  • Jung, Carl Gustav (1934/2001): Archetypen. Dt. Taschenbuch-Verlag, München.
  • Kleinman, Arthur (1980): Patients and Healers in the Context of Culture. An Exploration of the Borderland between Anthropology, Medicine, and Psychiatry, Berkeley.
  • Miller Van Blerkorn (2012): Clown Doctors: Shaman Healers of Western Medicine. Medical Anthropology Quarterly, 9, 462-475.
  • Radin, Paul (1972): The Trickster, A Study in American Indian Mythology (Der Trickster, Eine Studie indianischer Mythologie), Schocken Books, New York.
  • Shah, Idres (1984): Die fabelhaften Heldentaten des vollendeten Narren und Meisters Mulla Nasrudin. Herder Spektrum, Freiburg.
  • Tedlock, Dennis (1978): Über den Rand des tiefen Canyons. Diederichs Gelbe Reihe, Bd.17, 1.
  • Turner, Victor (1985): On the Edge of the Bush. University of Arizona Press, Tuscon.
  • Von Barloewen, Constantin (1984): Clown – zur Phänomenologie des Stolperns. Athenäum, Frankfurt am Main.