Herr H., der gute Wolf
Laura Erceg-Simon alias Clown Friedl erzählt von ihrer berührenden Begegnung mit Herrn H mit dem Märchenmobil:
Herr H. lebte in Lübbenau in einer Pflegeeinrichtung. Wenn immer wir zu seiner Tür kamen war diese verschlossen, doch klopften wir an wurde uns aufgetan, das war ein wenig kompliziert, denn oft versperrte eine raffinierte Konstruktion von Fäden dem Eintretenden den Weg. Herr H. war früher Oberkellner, wie viele 1000 Kilometer er wohl auf seinen Füßen zurückgelegt hat, da ist es nur gut, dass er sich jetzt auf einen Rollator stützen kann, wohlverdient nach so viel Kellnermeilen durch DDR und BRD. Sein Zimmer verließen wir nie mit leeren Händen, eine Praline gab es immer und manchmal auch einen kleinen Eierlikör, eine Flasche für jede. Jede der Flaschen war sorgfältig in eine Papprolle verpackt. Das Skelett einer Küchenrolle oder auch Toilettenpapierrolle. Diese Papprollen, die bitte wieder mitbringen, bat er uns, die brauche er noch. So brachten wir, manchmal, wenn wir es nicht vergaßen, die Rollen zurück, und dann gab es wieder eine Praline oder einen Eierlikör. Auch wenn wir die Papprollen vergaßen, gab es trotzdem Eierlikör. Seine Geschenke waren nie an Bedingungen geknüpft, einzig an seine Großzügigkeit, die konnte nie anders. Das letzte Mal sahen wir ihn im Sommer, das ganze Heim war da und ein Kindergarten. Der Wolf und die sieben Geißlein standen auf dem Program. Die Geißlein waren schnell gefunden, sogar mehr als sieben. Den Wolf wollte niemand spielen, der eine Herr hatte gestern schon Geißlein verspeist, war also satt, der andere Herr taugte nicht, weil er viel zu lieb war… was nun? Da rollte Herr H. aus der zweiten Reihe auf die Bühne und versicherte den bösen Wolf könne er spielen. Gerettet. Das Märchen konnte starten.
Enlarge photoDas Bild stammt aus einer anderen Märchenmobil Show in Berlin.
Er war der liebste böse Wolf im ganzen Spreewald, in der ganzen DDR, BRD und sicher der liebste böse Wolf auf diesem Planeten. Er fraß gewissenhaft jedes Geißlein, legte liebevoll seinen Arm um die Schulter des ebenvertilgten Geißleins und geleitet es in seinen Magen…doch wo ist der Magen, wieder sind die Clowns ratlos und die Lösung kommt vom Wolf persönlich: Eine Decke muss her, diese breitet er auf dem Boden aus, damit die Gefressenen es auch gemütlich haben in seinem Magen und nicht auf dem harten Boden sitzen müssen. Das Märchen fand sein Ende und es tat fast ein bisschen weh, diesem gütig bösen Wolf den Magen aufzuschlitzen, um die Geißlein zu befreien. Darum musste Clown Fräulein Schleife den Wolf auch noch mal ganz fest in den Arm nehmen, woraufhin er sagte: „Dass ich sowas nochmal erleben darf."
Von was auch - einem guten Wolf? - aber so geht nun mal das Märchen, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute…
Herr H. lebt nicht mehr. Es hat gebrannt, im Zimmer von Herr H. Wieder war es sorgfältig verschlossen, so dass kein anderer Bewohner schaden nehmen konnte. Nur der gute Wolf, der war im Zimmer. Auch wir wissen so gut wie nichts über Herrn H., aber wenn immer ich eine leere Küchenrolle oder Klopapierrolle sehe, dann sehe ich die fürsorgliche Hand des bösen Wolfes, die sich auf die Kinderschulter legt und das Kind auf die weiche Magendecke leitet. Da es nun mal so sein muss mit dem Fressen und Gefressen werden. Aber wenn schon, dann bitte mit Eierlikör und Güte. Wie gut dass es sie gibt, die Helden im Wolfspelz, die mit Papprollen Liebe und Großzügigkeit in unseren Alltag verschenken. Gut getarnt hinter Schloss, Riegel und Fadennetz. Wer weiß, vielleicht ist ein Geißlein gekommen und hat ihm eine Papprolle gebracht, in der er sicher durch die Flammen in die ewigen Märchengründe fliegen konnte und dort wurde er jubelnd empfangen - von all denen, die dafür sorgen, dass die Märchen nicht aussterben, im Spreewald, in unserem Land, auf dieser Erde, die vielleicht auch nur in einem gigantischen Raumschiff aus Papprollen durchs All fliegt.
