Zum Weltalzheimertag: Interview mit Magdalena Schamberger

21.September 2022

„Clownerie für ältere Menschen ist wie klassische Musik.“

Die Theaterregisseurin und Honorarprofessorin der Fakultät für Gesundheitswissenschaften an der Queen Margaret University in Edinburgh, Magdalena Schamberger, hat seit über 30 Jahren Erfahrung bei der Arbeit mit demenziell veränderten Menschen. Nach ihrer Ausbildung als Theaterclown hat die gebürtige Österreicherin viele Jahre als Clown im Krankenhaus gearbeitet und entwickelte u.a. als Mitgründerin der Gesundheitsclownorganisation „Hearts & Minds“ in Schottland ein spezielles Clownprogramm für Menschen mit Demenz. Welche Bedeutung ein künstlerischer Zugang zu Menschen mit Demenz oder Alzheimer hat, erklärt sie im Interview.

(c) Brian Hartley

Sie haben 30 Jahre Erfahrung in der künstlerischen Arbeit mit Demenzkranken - wer oder was hat Sie dazu inspiriert, mit Menschen mit Demenz zu arbeiten?

Ich bin in Österreich in einem 3-Generationen-Haushalt aufgewachsen, zu dem auch meine Großeltern gehörten. Ich habe ältere Menschen immer geliebt und war neugierig auf ihre Geschichten und Lebenserfahrungen. Als ich die Clownorganisation „Hearts & Minds“ mitbegründete, wusste ich von Anfang an, dass ich nicht nur Programme für Kinder anbieten möchte, sondern auch für ältere Menschen. Ich hatte keine persönlichen Erfahrungen mit Demenz, wurde aber von einem Forschungsstipendiaten der Universität Stirling ermutigt. Er hatte unsere Interaktionen mit Kindern auf einer neurologischen Station beobachtet und bat mich aufgrund unseres Einsatzes von nonverbaler Kommunikation, die Entwicklung eines Programms für ältere Menschen mit Demenz in Betracht zu ziehen. Ich war zunächst skeptisch, aber meine Neugierde siegte. Ich besuchte eine Reihe von Einrichtungen und stellte fest, dass es recht einfach war, als Clown mit Menschen mit Demenz in Kontakt zu treten. Dies überzeugte mich, das Elderflowers-Programm speziell für Menschen mit Demenz zu entwickeln, das heute als Inspiration für viele weitere ähnliche Programme weltweit gilt.

Als Gründerin des "Elderflower"-Projekts in Schottland - worin besteht der Hauptunterschied zwischen der Arbeit von Clowns mit Kindern und der Arbeit von Clowns mit Menschen mit Demenz?

Clownerie für Kinder ist wie die Popmusik in der Kunst, während ich Clownerie für ältere Menschen, einschließlich derer, die mit Demenz leben, eher mit klassischer Musik oder manchmal Jazz vergleiche. Die Begegnungen brauchen ein anderes Tempo, eine andere Aufführungsgeschwindigkeit, eine andere Herangehensweise und einen anderen Inhalt, um auf die Herausforderungen des Alterns und/oder der Demenz zu reagieren. Einfachheit, Klarheit und Schönheit sind der Schlüssel.

Eine der wichtigsten Zutaten ist für mich der Respekt vor den Lebensgeschichten und Erfahrungen der Menschen. Manche sind erst Mitte 40, andere fast 100 Jahre alt. Die Menschen sind, auch wenn sie keine kognitiven Fähigkeiten mehr haben, die Experten für ihre eigenen Erfahrungen und ihr Leben. Jeder Mensch mit Demenz ist ein Mensch mit einer Demenzerkrankung. Das Stadium und die Art der Demenz und wie diese neurologische Erkrankung in ihrem individuellen Gehirn fortschreitet beeinflusst durch die Lebenssituation und Pflege ist entscheidend. Bei Kindern kann man einen altersspezifischen Ansatz verfolgen, während man bei einer Person mit Demenz Stadium-spezifisch arbeiten muss. Das wichtigste ist jedoch, dass jede Begegnung der Clowns auf die Person zugeschnitten und individuell passiert.

Welche Bedeutung hat ein künstlerischer Ansatz bei Menschen mit Demenz? Haben Sie Beispiele aus Ihrer täglichen Arbeit?

Zu den Symptomen der häufigsten Demenzformen gehören Gedächtnisverlust, Wortfindungsprobleme, Verwirrung, Kommunikationsprobleme und vieles mehr. Die meisten Demenzformen treten asymmetrisch auf, und zwar eher auf der linken als auf der rechten Seite des Gehirns. Wenn ein Teil des Gehirns schrumpft oder abstirbt, übernehmen andere Teile des Gehirns die Aufgabe, dies zu kompensieren. Es ist allgemein bekannt, dass Kreativität, Rhythmus und Humor sowie das emotionale Gedächtnis am längsten abrufbar bleiben, auch bei Demenzkranken.

Ich bin u. a. Kreativdirektorin bei BOLD (Bringing Out Leaders in Dementia). Wir bieten ein soziales Führungsprogramm an, das sich mit kreativen Mitteln an Menschen mit Demenz und deren Angehörige wendet. Oft sagen die Menschen: "Ich bin nicht kreativ", "Ich weiß nicht, wie man ein Gedicht schreibt, eine Collage macht oder ein Lied komponiert". Wenn sie es jedoch versuchen, sind sie fast immer überrascht, dass sie mit einem kreativen Ansatz Gefühle zeigen können, die sie anders nicht ausdrücken könnten.

"Clowns sind nur etwas für Kinder". Eine Aussage, die man manchmal von Außenstehenden hört. Was ist Ihre Meinung dazu? Was können Clowns in der Arbeit mit Menschen, die an Demenz oder Alzheimer erkrankt sind, tatsächlich leisten?

Bei der Clownerie geht es nicht unbedingt darum, lustig zu sein, auch wenn Komik und Lachen oft ein Nebenprodukt sind. Für mich geht es darum, zu 100 % im Moment zu sein, ohne zu urteilen oder Druck auszuüben, und zu akzeptieren, was auch immer passiert, und JA zu allem und jedem zu sagen - was für Menschen mit Demenz von unschätzbarem Wert ist.

Die Kommunikation der Clowns ist klar und einfach, oft sehr visuell und nonverbal. Emotionen sind übertrieben und leicht zu deuten, auch für diejenigen, die nicht mehr in der Lage sind, Worte zu finden oder zu benutzen. Die rote Nase gilt weithin als die kleinste Maske der Welt und lenkt den Blick direkt auf die Augen des Trägers. Dies ermöglicht einen direkten Blickkontakt, Konzentration und Austausch. Darüber hinaus ist Rot eine der Farben, die das alternde Auge am längsten unterscheiden und sehen kann.

Meiner Erfahrung nach haben Clowns und Menschen mit Demenz viel gemeinsam: Sie teilen die Herausforderungen des Kurzzeitgedächtnisses; den Wunsch und den Versuch, die richtigen Worte und die richtigen Antworten oder Lösungen für Dinge zu finden; die Wiederholung von Fehlern und die Strategien, sie zu vertuschen; immer wieder zu scheitern, was zu der Verletzlichkeit führt, die das "Nicht-Wissen" und "Nicht-Verstehen" mit sich bringt. Viele Menschen, die mit Demenz leben, ihre Familien und das Pflegepersonal können diesen Raum als frustrierend, traurig und herausfordernd empfinden, aber die Erfahrung, dies im Rahmen einer Clownvisite zu erleben, kann diese Frustration in Humor verwandeln und einen sicheren Raum schaffen, in dem sich zwei Freunde treffen. Clowns und Menschen mit Demenz leben gemeinsam in der Gegenwart und nicht in der Vergangenheit oder Zukunft. Sie sind meiner Meinung nach ein perfektes Match.