Zum internationalen Tag der Pflege: "Weniger Stress...mehr Freude"

12.Mai 2021

„Weniger Stress, mehr Freude“ – ein Gespräch aus der Altenpflege zum Internationalen Tag der Pflege

Clowns haben mit dem Altenpflegepersonal viel gemeinsam. Ihre Mission ist es, sich um pflegebedürftige Menschen zu kümmern und ihnen einen menschenwürdigen Lebensabend mit viel Freude zu ermöglichen. Da sind sich Humor-Trainerin und ROTE NASEN Künstlerin Maria Gundolf und Marina Ilic, Betreuungsfachkraft im Pflegeheim „Anlagenring“ in Frankfurt am Main, einig.
Getroffen haben sich die beiden beim ersten Workshop der „ROTE NASEN HumorAgenda“. Dies ist ein spezielles Weiterbildungsprogramm für Pflege- und Betreuungskräfte, das in Frankfurt am Main durch die BAHN-BKK finanziert wird. Die HumorAgenda möchte Humor als Sozialkompetenz nachhaltig in den Pflegealltag integrieren und so zu einem leichteren Umgang mit belastenden Situationen beitragen. In spielerischen Übungen lernen die Pflege- und Betreuungskräfte praxiserprobte Techniken, um die Herausforderungen des beruflichen Alltags humorvoll und damit leichter zu bewältigen. Damit bietet die HumorAgenda Hilfestellung bei Überlastung und Stress im Berufsalltag von Pflegenden. Das kommt auch den Pflegebedürftigen zu Gute.
Was verbindet Clowns und Pflege? Maria Gundolf und Marina Ilic im Gespräch.

Marina Ilic ist ausgebildete Krankenschwester und seit 26 Jahren im Pflegeheim „Anlagenring“ tätig. Zunächst arbeitete sie viele Jahre in der Pflege. Inzwischen ist sie schon seit längerer Zeit Betreuungsfachkraft und spezialisiert auf Aroma- und Bewegungstherapie mit psychisch erkrankten Menschen. Zurzeit ist sie auch eine der Teilnehmenden der ROTE NASEN HumorAgenda.

(c) Pflegeheim Anlagenring

Maria Gundolf ist ausgebildete Schauspielerin und seit 17 Jahren als ROTE NASEN Clown Brischitt in sozialen Einrichtungen unterwegs. Seit vier Jahren ist sie außerdem stellvertretende künstlerische Leiterin ROTE NASEN. Sie leitet die Workshops im Rahmen der HumorAgenda.

(c) Gunnar Bernskötter

Clowns und Pflege ziehen an einem Strang – was haben Clowns mit Pflege- und Betreuungskräften gemeinsam?

Maria Gundolf: „Zum Anfang der Weiterbildung zeigen wir den Teilnehmenden unseren Film über die Clownarbeit bei Pflegebedürftigen. Und schon da kommen wir zum Schluss, dass eigentlich Clowns und Pfleger:innen das Gleiche machen. Die Clowns sind dabei nur spielerischer, weil sie mehr Freiheit haben und nicht gebunden sind an Dinge, die getan werden müssen. Musik machen, massieren, tanzen, in den Arm nehmen, die Bewohner:innen zu Bewegung animieren und geistig mit Rätseln herausfordern – all das machen sowohl Clowns als auch Pfleger:innen.“

Marina Ilic: „Meine Arbeit als Betreuungsfachkraft ist vielseitig, erfordert viel Einfühlungsvermögen und soziales Engagement. Es gibt unendlich viele schöne und lustige Momente, sowohl in den Gruppen- als auch in Einzelbetreuungen, wie die Erinnerungsarbeit, die ich mit demenzkranken Bewohner:innen regelmäßig mache. Bei der Erinnerungsarbeit geht es darum, anhand der individuellen Biografien und mithilfe von Gerüchen, Musik oder auch Gegenständen das Erinnerungsvermögen der Menschen mit Demenz zu aktivieren. Beispielsweise hat eine Dame bei uns früher immer sehr viel gebacken. Sobald ich dann in ihrem Zimmer einen Vanille-Duftstoff versprühe, wird sie aus ihrer verschlossenen Welt aufgeweckt und erinnert sich an das Backen. Das macht sie glücklich.“

Eine Clownin kniet sich vor eine ältere lachende Dame hin
(c)Gregor Zielke

Maria Gundolf alias ROTE NASEN Clown Brischitt bei ihrer Arbeit mit Pflegebedürftigen.

„Humor ist extrem verbindend“ – die ROTE NASEN HumorAgenda

Marina Ilic: „Ich mache bei dem HumorAgenda-Workshop mit, um zu lernen, wie ich noch mehr Licht und Freude in meinen Arbeitsalltag mit den Bewohner:innen bringen kann. Wenn die Clowns im Haus sind, dann wirken sie wie die Sonnenstrahlen am Morgen. Die Bewohner:innen und auch wir Pfleger:innen sind fröhlicher und ruhiger und das auch noch nachwirkend. Ich erhoffe mir, dass ich durch Rollenspiele und praktische alltägliche Beispiele im Workshop lernen kann, den Alltag mit mehr Leichtigkeit und Gelassenheit zu meistern, auch wenn die Clowns gerade nicht vor Ort sind.

Ich bin überzeugt, dass mir ‚Humor‘ und die Tipps der Clowns eigentlich überall und bei allen Kontakten zu den Bewohner:innen wie auch zu meinen Teamkolleg:innen helfen können, insbesondere aber bei Gesprächen mit psychisch eingeschränkten Senior:innen. Das sind Menschen überwiegend mit Demenz und Depressionen, aber auch Angstzuständen und Psychosen. Da geht es nämlich häufig um Details, die dabei helfen, die Menschen vom Alltag abzulenken, und genau da könnte ich noch mehr Tipps gebrauchen. Eine der Übungen aus den Anfängen des Weiterbildungsprogramms ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Und zwar ging es darum, dass man sich darüber freuen soll, wenn man ab und zu mal kleine Fehler macht. Das war für mich besonders bedeutsam. Denn es ist sehr wichtig, wie ich gemerkt habe, über seine eigenen Fehler lachen zu können.“

Maria Gundolf: „Das war eine der ersten Übungen im Workshop. Ein klassisches Impulsspiel. Alle stehen im Kreis und geben mithilfe von Wort und Geste einen Impuls weiter. In unserem Fall haben wir von eins bis sechs gezählt und uns auf die linke oder rechte Schulter geklopft. Der Impuls ging dann entsprechend der angezeigten Richtung weiter bis die Zahl sieben kam. Da musste man eine andere Geste machen. Das Spiel ist sehr schnell und es geht darum, aus dem Kopf in den Körper zu kommen. Wenn man einen Fehler macht, muss man einmal um den Kreis laufen. Das wird dann nicht als Strafe gesehen, sondern eher als Belohnung und man darf sich freuen. Die Übung dient dazu, die Haltung zu lernen, dass Fehler menschlich sind und einen weiterbringen können. Damit ist nicht gemeint, dass die Pfleger:innen ihren Job nicht gut machen sollen, sondern es geht um kleine Fehler, wie z. B beim Rausgehen immer die falsche Tür zu nehmen, und darum, einfach mal zu lachen, statt sich darüber zu ärgern.

Gerade beim Umgang mit Pflegebedürftigen, die viele Defizite haben und sich oft unterlegen fühlen, kann es hilfreich sein, ihnen ab und zu die eigenen Fehler vorzuleben. So zeigt man: Auch ein jüngerer Mensch ist nicht perfekt. Das stärkt die älteren Menschen und sie fühlen sich dadurch nicht mehr so unvollkommen. Das, was wir im Workshop mit dieser Übung trainieren, ist etwas zutiefst Menschliches. Über sich selber und über andere liebevoll zu lachen und sich dann wieder zu verzeihen, verbindet. Humor ist extrem verbindend und ich glaube, das, was die Teilnehmenden am Ende mitnehmen, ist: Menschsein heißt, nicht vollkommen zu sein.“

Teilnehmerin beim Coaching für Pflegekräfte ROTE NASEN Humoragenda spielt mit Luftballons

Maria Gundolf bei einem Workshop im Rahmen der "ROTE NASEN HumorAgenda"

„Mehr Licht und Freude im Arbeitsalltag“ - können sich Clowns und Pflege gegenseitig unterstützen?

Maria Gundolf: „Im heutigen streng getakteten Pflegealltag mit Fokus auf Verwaltung und Effizienz kommt leider häufig die Beziehungsarbeit, das Menschliche, zu kurz. Wir Clowns versuchen diesen menschlichen Part auszufüllen. Wir sind darauf geschult, das, was bei den Bewohner:innen noch da ist, wahrzunehmen und damit zu spielen. Im Rahmen der HumorAgenda versuchen wir die Pflege- und Betreuungskräfte dafür zu sensibilisieren. Häufig reicht eine Ermutigung und Bestärkung in dem, was die Pfleger:innen sowieso schon tun und wissen. Wir kommen nicht mit etwas völlig Neuem.

Dafür habe ich ein konkretes Beispiel: Im Rahmen des Programms HumorAgenda begleitete ich eine Teilnehmerin bei ihrer Arbeit, um zu sehen, wie ihr Alltag gestaltet ist. Sie holte eine demenzkranke Bewohnerin vom Friseur ab und wir rollten sie im Anschluss gemeinsam in ihrem Rollstuhl zum Speisesaal. Dort saßen auch schon andere Bewohner:innen und warteten darauf, zum Essen begleitet zu werden. Eine der Damen spielte auf einer Mundharmonika. Nicht unbedingt virtuos, aber mit viel Freude! Die Dame, die wir heruntergebracht haben, fing sofort an, ihre Hände zur Melodie zu bewegen, und wippte hin und her. Ich machte die Pflegerin auf die Situation aufmerksam, denn sie hatte zu dem Zeitpunkt andere Dinge im Kopf. Sie schaute mich an und sagte: ‚Ja, stimmt. Sie liebt Musik.‘ Ich fragte sie dann, ob sie mit ihr auch Musik mache. Sie antwortete: ‚Ja, ab und zu spiele ich Musik über mein Smartphone ab. Aber ich kenne keine deutschen Lieder, die ich ihr vorsingen könnte.‘ Da ermutigte ich sie, dass die Sprache und Qualität in dem Fall nicht wichtig sind, Hauptsache, es wird musiziert. Die Pflegerin stimmte mir mit leuchtenden Augen zu.

Wenn die Bewohner:innen gut gelaunt sind, wenn sie lachen, wenn sie sich gesehen fühlen, dann arbeiten sie dem Pflegepersonal letztlich zu. Dann geht alles leichter, schneller und mit viel weniger Widerstand. Deswegen ist die Zusammenarbeit von Clowns und Pflegekräften vielmehr ein Hand-in-Hand-Arbeiten mit gegenseitiger Wertschätzung. Die Pfleger:innen unterstützen uns, indem sie ein Umfeld schaffen, wo das, was wir tun, auch ankommen kann. Die Bewohner:innen orientieren sich häufig an ihnen, weil sie ihre ersten Vertrauenspersonen sind. Wenn sie merken, da ist eine große Distanz zu den Clowns, lassen sie sich unter Umständen davon anstecken. In den allermeisten Projekten von ROTE NASEN Deutschland e.V. ist es aber ein schönes Miteinander von Clowns und Pflege. Ich bin immer wieder beeindruckt, mit wie viel Herzblut Pfleger:innen ihre Arbeit machen.  Die alten Menschen blühen dann auf und verjüngen sich fast, wenn jemand bei ihnen ist, der sie schätzt und ihre Stärken sieht und fördert. Mir ist aufgefallen, dass häufig das Menschliche ein großer Kraftakt für die Pflegekräfte ist, weil das System an sich das nicht fördert. Wenn es trotzdem gelingt, ist das umso schöner.“